
Von Markus Zinsmaier
02. Oktober 2018. Was verbindet den chilenischen Festivalbeitrag Too late to die young mit der französischen Produktion Shéhérazade und Malene Choi Jensens The Return: Alle drei skizzieren Coming-of-Age-Geschichten zwischen Chile, Frankreich und Südkorea.
Es sind diese Reihen- und genreübergreifenden Momente einer Suche nach Identität, einem Platz im Leben und der Welt, die ein Filmfestival immer auch zu einem Labor aktueller Tendenzen im Film machen. Wenn nicht der Stile, dann doch der Geschichten.

Bei Choi-Jensens The Return ist dies ganz konkret: Karoline reist nach Südkorea, um dem Geheimnis ihrer eigenen Identität näher zu kommen. Fremd fühlt sie sich in der nicht selbstgewählten Wahlheimat Dänemark in die sie via Adoption gelangte ebenso wie in dem ihr unbekannten Geburtsland Südkorea. Es geht ihr wie den restlichen Protagonisten in diesem Film: Sie alle sind Suchende, fremd in der eigenen und der fremden Heimat, gefangen im Versuch, die Leerstelle in ihrem Leben zu füllen. Die unerreichbare, unbekannte Vergangenheit ist eine ferne Spur. Im Film werden diese Momente durch Tische, Bänke, Schaufensterscheiben markiert: Trennlinien zwischen der fremden und der eigenen Identität, zwischen Vergangenheit und Gegenwart und den abwesenden Vätern und Müttern.
Sie alle sind Suchende, fremd in der eigenen und der fremden Heimat, gefangen im Versuch, die Leerstelle in ihrem Leben zu füllen.
Pendelnd zwischen Fiktion und Autobiographie – in der Literatur würde man von Autofiction sprechen – erwächst bei Choi Jensen (*1973) so ein Film, der sich mit einfachen ästhetischen Mitteln auf die Suche nach einer Herkunft macht, die sich in den Gesichtern der Protagonisten zeigt und doch denkbar fern von ihnen ist, egal ob sie nun Dänisch, Koreanisch oder Englisch sprechen, aus Europa oder den USA stammen.
In Too late to die young von Domingo Sotomayor (*1985), die in Locarno unlängst mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde, ist die Verlorenheit im Gesicht der Hauptdarstellerin Magdalena Tótoro bereits fest eingeschrieben.
Es ist ein Leben fernab der Zivilisation, in die sich eine Gruppe von Aussteigern am Fusse der Anden geflüchtet hat. Die Diktatur ist eine nahe Erinnerung, die Hippie-Gemeinschaft eine Utopie, die bereits am Bröckeln ist.
Die Diktatur ist eine nahe Erinnerung, die Hippie-Gemeinschaft eine Utopie, die bereits am Bröckeln ist.
Die kaum dem Teenager-Alter entwachsene Sofía (Magdalena Tótoro) sucht ihren Platz im Leben. Hier bei ihrem Vater ist er nicht, dessen ist sie sicher. Ihre abwesende Mutter ist eine Projektionsfläche für alle Wünsche und Sehnsüchte. Ebenso wie der halbstarke Motorradfahrer, dem sie sich hingibt, in der Hoffnung dem Hier und Jetzt zu entkommen. Fade into you singt Hope Sandoval von Mazzy Star dazu. Die Realität kehrt zurück in Form eines Waldbrandes, der die Aussteiger-Utopie zu vernichten droht, wie die Verletzungen, die das Leben bereit hält.
Sotomayor fängt all dies nah an den Figuren, den Gesichtern ein: flirrend, nachttrunken, suchend.

Einen dokumentarischen Ansatz hat der französische Filmemacher Jean-Bernard Marlin (*1979) in seinem Marseille-Melodram Shéhérazade gewählt: Alle seine Darsteller wurden auf der Strasse gecastet, dort in den dunklen Ecken von Marseille, in der auch diese Liebesgeschichte spielt.
Die Geschichte ist dabei kaum der Rede wert: Eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte aus den Slums von Marseille, die in einem fait divers ihren Ursprung hat. Zachary (Dylan Robert) kommt aus dem Jugendknast frei und erhält von seinen Dealer-Freunden eine Nacht mit der Prostituierten Shéhérazade (Kenza Fortas) geschenkt. Natürlich verliebt er sich, und natürlich ist das mit dem Macho-Ethos seiner kleinkriminellen Freunde nicht vereinbar.
Was in Shéhérazade aber weit über die Geschichte hinausragt, ist das Spiel der Akteure, das Milieu, das dem Film von Malin eine Authentizität verleiht, die nah am Dokumentarischen ist – trotz aller Klischees der Geschichte. Shéhérazade schliesst damit an Malins Kurzfilm La Fugue (2013) an. Bereits hier vertraute auf das Spiel von Laiendarstellern und setzte die Kehrseite der Postkartenidylle Marseille wuchtig in Szene.




