Von Markus Zinsmaier
05. Oktober 2018. Argentiniens leidgeprägte Vergangenheit lässt das Land nicht los, nicht in der Wirklichkeit, nicht im Film. Kaum ein argentinische Filmproduktion, die nicht auf die ein oder andere Art auf die düsteren Jahre der Militärdiktatur blickt. War dies in den vergangenen Jahren mit Filmen wie El secreto de sus ojos (Regie: Juan José Campanella) oder The Long Night of Fransisco Sanctis (Regie: Francisco Márquez / Andrea Testa) oftmals explizit, so bildet es in vielen aktuellen Produktionen nur noch den bedrohlichen Hintergrund von Geschichten, die sich thematisch ins Private verlagert haben, aber nur vor dem geschichtlichen Hintergrund wirklich entschlüsselbar sind.
Gerade Rojo von Benjamin Naishtat ist hierfür das beste Beispiel: ein Thriller, der unterschwellig von etwas anderem erzählt. Die 70er Jahren bilden ästhetisch den Rahmen: altmodische Zooms und an Antonioni geschulten Totalen setzen das grosse Drama auch visuell farbgetränkt in Szene. Die Razzien, die Verfolgung (politisch und sexuell) anders Denkender ist ein leichtes Rauschen im Hintergrund, das in der argentinischen Provinz kaum vernehmbar ist. Anwalt Dario (Dario Grandinetti) führt ein beschauliches Dasein mit Frau, Kind und Kanzlei bis ein Streit in einem Restaurant zu einer Tragödie führt. Der Anwalt, der einen fremden Mann im Streit rhetorisch in seine Schranken weist, ahnt nicht, was er hiermit heraufbeschwört. Als ein schmieriger Privatdetektiv (Alfredo Castro) beginnt unangenehme Fragen zu stellen, ahnt er Übles. Die beschauliche Idylle beginnt zu bröckeln, sichtbar werden Abgründe der argentinischen Geschichte.

Eine sehr persönliche Annäherung an den Vater ist der essayistische Dokumentarfilm Silence is a falling body (Regie: Augustina Comedi), der ausgehend von Videoaufnahmen des Vaters versucht ein Leben zu entschlüsseln. Für die Filmemacherin und Drehbuchautorin Agustina Comedi geht es hierbei zugleich um ihre eigene Geschichte.
In den hunderten von Stunden an Videoaufnahmen, die der Vater hinterlassen hat, enthüllt sich ein ganzes Leben: von den Asados im Familienkreis, Kindergeburtstagen, Nationalfeiertagen und Europareisen bis hin zu den angedeuteten Momenten, die von einem anderen, geheimen Leben erzählen. Und damit auch von Verlangen, sexueller Identität und politischem Aktivismus in einem Argentinien, in dem studentische Revolutionäre lange ebenso verdächtig waren wie die LGBT-Gemeinde.
Ergänzt durch Interviews mit Weggefährten, Freunden, Familienmitgliedern entsteht so ein vielschichtiges Portrait, das zugleich vom schwulen Leben in Argentinien in Zeiten der Diktatur erzählt. Politisches und Privates, in Silence is a falling body lässt sich das eine nicht vom anderen trennen.

Gleiches gilt für Mariano Donoso Makowskis Essayfilm Buenos Aires al Pacifico, der den Zuschauer in zwölf Tableaus mit auf eine 98 Minuten lange Reise entlang der grösstenteils stillgelegten Bahnstrecke zwischen Buenos Aires und Valparaiso nimmt. Mit einem Zugticket konnten Reisende bis Ende 70er Jahre von Argentinien nach Chile reisen. 1979 rollte der letzte Zug über die Schienen. Dörfer, Bahnhöfe entlang der Strecke gleichen mittlerweile Geisterstädten. Die Zeit hat sich in die unwirklich behauene Natur gegraben. Was bleibt sind Erinnerungen, der Traum von der grossen lateinamerikanische Zuglinie „BAP“. Und ein Essayfilm von Mariano Donoso Makowski, der diese Geschichte mit anderen, persönlichen, aber auch der argentinischen verbindet.
Es eine filmische Reflexion, die den Tod der Mutter des Regisseurs aufgreift, vom letzten verbliebenen Bahnarbeiter der Pazifiklinie erzählt, von Zeit, Traum, Geschichte und dem Kino. Das Kino, das mit der Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat 1895 durch die Gebrüder Lumière seine Geburtstunde erlebte. Bei Makowski kehrt das Motiv wieder und gibt den Rhytmus eines Gedanken- und Bilderstroms vor.
„Das Ganze Problem des Lebens besteht darin, der eigenen Einsamkeit zu entkommen und mit anderen zu kommunizieren“, heisst es gleich zu Beginn von Buenos Aires al Pacifico. Mariano Donoso Makowskis traumwandelnder Essay erzählt davon mit den Mitteln des Kinos.
Die hier besprochenen Filme waren im Rahmen des Filmfests Hamburg 2018 zu sehen.




