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#FilmfestHamburg 2019: No Bullshit!

Die rabenschwarze Nacht in „Vitalina Varela“ von Pedro Costa, die archaische Wucht des isländischen Beitrags „A White, White Day“ und die Verlorenheit der argentinischen Hauptdarstellerin Bélen Blanco in Gustavo Fontáns „The Debt“. Von Markus Zinsmaier.

Von Markus Zinsmaier

1. Oktober. Zwischen all den A- und B-Filmfestivals in Europa hat sich das Hamburger Filmfest einen seltsamen Ruf erspielt: Deutlich unterhalb der Aufmerksamkeitschwelle der großen Premierenfestivals: von Cannes, Berlin bis Venedig ist das Filmfest mit seinem Best-of-Programm an Filmen, von denen viele eben dort zu sehen waren, ein Hamburger Publikumsmagnet und dank seiner zum Teil exzellent kuratierten Filmreihen – hier zuvorderst die durch den argentinischen Filmkritiker Roger Koza zusammengestellte lateinamerikanische Reihe Vitrina – ein Ort der filmischen Entdeckungen erlaubt. Auch was Filme aus Quebec und Kanada angeht war man im hohen Norden häufig in den vergangenen 27 Jahren gut aufgestellt, so seltsam filmaffinen Menschen gleichwohl die Marotte mancher Verleiher oder Programmgestalter erscheinen mag, nicht wenige der gezeigten Filme mit schrecklichen deutschen Synchrontiteln auszustatten.

„Provinz!“ würde man in Berlin sagen. Aber eben auch ein Ort, der abseits des grossen Trubels anderer Festival-Spielstätten, filmische Diskussionen zulässt. Und das Gespräch mit Regisseuren. Wo, wenn nicht hier diskutiert der portugiesische Filmemacher Pedro Costa – einer der grossen des Weltkinos – im Anschluss an die Projektion seines aktuellen Films Vitalina Varela bis weit in der Nacht hinein mit dem Publikum über filmtheoretische Überlegungen? Wo sind die Verbindungen zur Hamburger Musikszene so durchlässig, dass die Premiere der Musikdokumentation Die Liebe frisst das Leben – Tobias Gruben, seine Lieder und Die Erde zum Klassentreffen der Vorgänger der Hamburger Schule inclusive Minikonzert im Kinosaal gerät?

#FilmfestHamburg; Musikdokumentation: Die Liebe frisst das Leben - Tobias Gruben, seine Lieder und Die Erde
Musikdoku: Die Liebe frisst das Leben – Tobias Gruben; Copyright: Field Recordings

Was bleibt ist die rabenschwarze Nacht in Vitalina Varela, die archaische Wucht des isländischen Beitrags A White, White Day und die Verlorenheit der argentinischen Hauptdarstellerin Bélen Blanco in Gustavo Fontáns The Debt, der seine Europapremiere in Hamburg feierte.

Szene aus Pedro Costas „Vitalina Varela“; Copyright: Grandfilm

Es ist ein anderes Kino, das der Portugiese Costa seit vielen Jahren verfolgt: No Bullshit!, sagt er zu später Stunde im Abaton-Kino, so geglückt oder nicht geglückt seine Arbeiten auch seien. Sie kommen mit der Vehemenz eines Bilderstürmers daher, der der Inszenierung misstraut und die Wirklichkeit in jeder Einstellung sucht. Costa denkt das Kino neu – ohne Drehbuch, abseits vorgefertigter Genre-Schablonen oder Storylines. Wenn irgendwann ein scheuer Lichtstrahl den digitalen Raum aufhellt, die Dunkelheit durchbricht, hat sich für die Dauer eines Kinofilms das Sehen neu ausgerichtet. Seit den 2000er-Jahren arbeitet Costa ausschliesslich digital. Er gehört zu den spannendsten, auch unbequemsten Regisseuren seiner Generation. In den unbewegten, fixen Einstellungen, dem streng kadrierten Bildaufbau, zeigt sich eine Poesie, die die harsche Milieustudie einer kapverdischen Frau in den Slums von Lissabon der Tristesse entreisst.

In gleissendes Weiss gehüllt ist die isländische Produktion A White, White Day: Ex-Cop Ingimundur (Ingvar Sigurðsson) kommt nicht über den Tod seiner Frau hinweg, die ihn zu Lebzeiten betrogen hat. Mit detektivischem Spürsinn ermittelt er die Umstände und den Nebenbuhler. Es ist eine einfache Geschichte, die Pálamason eingebettet in die isländischen Naturgewalten wortkarg und mit archaischer Wucht inszeniert: eine, die von Trauer und Hilflosigkeit, Gewalt und Abwesenheit erzählt. Hauptdarsteller Ingvar Sigurðsson verkörpert den verbitterten Witwer pendelnd zwischen Trauer und Ausbruch. Im feinen Spiel, der zurückgenommenen Inszenierung, den Stimmungen, die sich in den Landschaftsaufnahmen & den Jahreszeiten spiegeln, entsteht so ein klaustrophobisches Kammerspiel, das der Hauptfigur keinen Ausweg lässt.

Hlynur Pálmasons „A White, White Day“, Copyright: Arsenal Filmverleih
Hlynur Pálmasons „A White, White Day“, Copyright: Arsenal Filmverleih

Dies gilt auch für Gustavo Fontáns nachtrunkene Reise durch Buenos Aires: The Debt. Von einer Staatskrise in die nächste schlitternd, pendelt das argentinische Gegenwartskino seit Jahren zwischen Aufarbeitung der Diktatur und Zustandsanalyse der argentinischen Gesellschaft. The Debt hat sich letzterem verschrieben: In einer aus den Fugen geratenen Gegenwart, in der jeder auf unterschiedliche Art und Weise ums pure Überleben kämpft, bleibt der von Belén Blanco verkörperten Hauptfigur nur eine Nacht, um ihre Schulden zu begleichen. Zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang entblättert sich dabei ein ganzes Leben: eine verkorkste Beziehung, eine lieblose Affäre, eine spielsüchtige Mutter, eine Gesellschaft & Stadt am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die Kamera folgt der Hauptdarstellerin fast teilnahmslos, registriert aus der Distanz all die Enttäuschungen, die sich bereits in das junge Gesicht gegraben haben, bevor sich im Morgengrauen der Rushhour alles im Trubel der vollen Vorortszüge und Bahngleise auflöst.

Gustavo Fontáns „The Debt“ mit Belén Blanco; Copyright: Lita Stantic Producciones
Gustavo Fontáns „The Debt“ mit Belén Blanco; Copyright: Lita Stantic Producciones

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