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Reise ans Ende der Nacht: Miguel Gomes „Grand Tour“

Miguel Gomes „Grand Tour“, „Something old, something new, something borrowed“ von Hernán Rosselli und „Kill the Jockey“ von Luis Ortega. Dreimal spanischsprachiges Kino im Wechselspiel der Formate beim Hamburger Filmfest 2024. Von Markus Zinsmaier.

Von Markus Zinsmaier

Oktober 2024. Am Anfang ist nur das Rauschen und Sich-Überlagern, Tanzen der Schwarzweissbilder zu sehen: Miguel Gomes „Grand Tour“ ist eine 129-minütige Reise durch die Film- und Kolonialgeschichte ans Ende der Nacht. Verschiedene Layer, Geschichten, Formate, filmästehtische Momente verschmelzen miteinander. Es ist ein Film wie ein Traum mit verschwommenen Koordinationspunkten: Burma, Singapur, Thailand, Vietnam, China. Die erzählte Geschichte gerät dabei fast zur Nebensache: Ein flüchtiger Verlobter und Beamter, der sich in die Wildnis begibt, um seiner Verlobten, der Ehe zu entkommen. Ständig in Bewegung, ein Zeitreisender durch die Kolonial- und Filmgeschichte im Walzertakt.

Gomes inszeniert diese Verfolgungsjagd als ein Spiel mit  (Kino-)Erwartungen und Konventionen. „Grand Tour“ ist eine Liebesgeschichte, ein Abenteuerfilm, ein historisches Drama – und gleichzeitig viel mehr. Gomes verwebt fiktive Szenen, die auf 16mm in Schwarz-Weiß gedreht wurden, mit dokumentarischen Aufnahmen, die während einer  Recherchereise  durch Asien entstanden sind.

Diese Verschmelzung von Geschichte und Fiktion, von Vergangenheit und Gegenwart, Film und Dokument, prägt die einzigartige Atmosphäre. Hier ein Häppchen aus der Entstehungszeit des Kinematographen, dort ein inszeniertes Stück Cinéma Verité der kolonialen Vergangenheit. Dann wieder die grosse Bühne des Roadmovies. Virtuos ineinander verschachtelt und dabei einen Sog entwickelnd, der einen hineinzieht in eine an Joseph Conrad und Louis-Ferdinand Céline gemahnende Nachtwanderung in unentdecktes Land.

Miguel Gomes gehört mit Pedro Costa zu den bedeutendsten Regisseuren des zeitgenössischen, (nicht nur) portugiesischen Kinos. Geboren 1972 in Lissabon arbeitete er nach seinem Filmstudium an der Escola Superior de Teatro e Cinema zunächst als Filmkritiker, bevor er  mit  Kurzfilmen und Spielfilmen wie „A cara que mereces“ (2004) und  „Our Beloved Month of August“ (2008) auf sich aufmerksam machte.  Internationalen Ruhm erlangte er spätestens mit „Tabu“ (2012), einer  poetischen Hommage an den Stummfilm, die bei der Berlinale mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet wurde und dessen Stilelemente auch in Gomes aktueller Arbeit „Grand Tour“ einen Widerhall finden.

In all dem gleichförmigen Einerlei aktueller Produktionen ist Gomes ein Kinoforschender, der sich immer noch an den Formen, Möglichkeiten und Zugängen abarbeitet und einen für einen Kinomoment mit auf die Reise nimmt in unentdecktes Filmland. Erfrischend ist das. Es öffnet den Blick für ein anderes Kino, das eigentlich bereits verloren ist.

Der kranke Mann Argentinien

Im Wechselspiel der Formate agiert auch „Something old, something new, something borrowed“, der dritte Langfilm des argentinischen Regisseurs Hernán Rosselli („Mauro“). Hier alte VHS-Aufnahmen aus einer grobkörnig-verwaschen-memorierten Kindheit, dort die aktuelle Situation in Argentinien. Der Filmtitel ist dabei Programm, entwickelt und entbättert eine Geschichte, die in die Bilder und Videoaufnahmen eingeschrieben ist. Die argentinische Misere bietet den Hintergrund, mit einem Geflecht aus verfehlter Politik, wirtschaftlicher Niedergang, Korruption und Kriminalität.

Szene aus „Something old, something new, something borrowed“ von Hernán Rosselli; Copright: Filmfest HH

In einem Arbeitervorort von Buenos Aires betreiben die Felpetos ein gut etabliertes Untergrund-Wettgeschäft. Nach dem Tod des Vaters ist das Wettgeschäft zum Matriarchat geworden. Die eigentliche Geschichte spielt sich hinter verschlossenen Türen ab: in der Familie bzw. zwischen den Geheimnissen, die zu lange im Dunkeln geblieben sind.

Mehr Farce als überzeugend: die jüngste Arbeit des argentinischen Regisseurs Luis Ortega, „Kill the jockey“. Ortega nähert sich mit grellbunten Klischeefiguren seinem aus den Fugen geratenen Heimatland. Der Film selbst bleibt merkwürdig steril und blutleer. Eine zum Comic stilisierte Tragikomödie, der sowohl der Humor wir die Tragödie abhanden kommen in der Inszenierung.

Szene aus „Kill the Jockey“ von Luis Ortega; Copyright: Filmfest HH

Hauptdarsteller Nahuel Pérez Biscayart spielte u.a. bereits in Ortegas „Lulú“. In „Kill the Jockey“ erschlägt das Stilmittel der Überzeichnung alles. Was an anderer Stelle in Ortegas Filmographie zu einem Spiel mit Genres wird, ächzt. Ein ehemals gefeierter Jockey, eine Mafiaboss, aktuelle Queer-Fragestellungen ergeben zusammen einen unausgegorenen Mix ohne Substanz.

Lange war das Abarbeiten an der Diktatur das bestimmende Thema im modernen argentinischen Kino. Seit einigen Jahren weitet sich das Themenspektrum wieder. Gespannt darf man auf die ersten Filme zur aktuellen Milei-Ära und den Auswirkungen auf ein bereits gebeuteltes Land sein. An aktuellen (Film-)Themen mangelt es nicht – wie auch der aktuelle Jahrgang der Vitrina-Reihe im Rahmen des Hamburger Filmfests zeigt.

Alle drei hier besprochenen Filme hatten ihre Deutschland-Premiere im Rahmen der Vitrina-Reihe des Hamburger Filmfests 2024.

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