Von Markus Zinsmaier
In einer verrückt gewordenen Welt, in der die Realität immer weniger von der Fiktion zu unterscheiden ist, wirken Filme, die sich dieser Realität stellen, wie Kleinode im Grenzverlauf. Alles ist möglich. Ausschläge ins Absurde, fast dokumentarisch anmutende Beobachtungen. Das Irre, das plötzlich normal geworden ist, ist nur eine weitere Facette im diffusen Weltenlauf.
Näher der Realität zugewandt ist East of Wall – The New West, der Debütfilm der amerikanischen Regisseurin Kate Beecroft, die dieses Aufweichen zwischen Realität und Fiktion bis in die Besetzung hinein fortsetzt: Professionelle Schauspieler agieren an der Seite von Laiendarsteller:innen.
East of Wall – The New West reiht sich ein in eine ganze Reihe an aktuellen Filmen und Serien, die sich dem ruralen Amerika und seiner Geschichte nähern: von American Primeval über Yellowstone bis Untamed.

© Sony Pictures Classics
Beecroft entnetflixt ihren filmischen Zugang, ist näher am Dokumentarfilm, als an der standardisiert-optimierten Scriptlogik der Streaming-Anbieter.
East of Wall – The New West sagt viel über Amerika im Jahre 2025. Es zeigt die abgehängten, ruralen Badlands, weit draussen, verloren zwischen Steppe, Kuh- und Pferdeweide. Das „alte Amerika“, das zu einem Sozialfall geworden ist, verloren im Mythos und der Abgeschiedenheit.
Dysfunktionale Familien, Alkoholismus, Armut, Selbstmorde. „The land of the free, the home of the brave“ ist ein Sozialfall geworden. Hier wohnt Tabatha eine junge Pferdetrainerin, die nach dem Tod ihres Mannes auf dessen Ranch mit ihrer pubertierenden Tochter und einer Reihe jugendlicher Drifter aus der Nachbarschaft lebt. Die etwas andere Patchwork-Community in South Dakota. Immer knapp bei Kasse und auf der Suche nach einem Platz in einem von Männern dominierten amerikanischen Traum zwischen Rodeokampf, Pferdemarkt und der großen Freiheit.
Beecroft hat drei Jahre bei Tabatha in dieser Community verbracht, um sich ihrem Stoff zu nähern. Die Zärtlichkeit, mit der sie sich den Protagonist:innen nähert, die großen, weiten Landschaftsaufnahmen, die im Kontrast zur Enge der übervölkerten Ranch stehen, zeichnen ein Portrait einer abgehängten Gesellschaftsschicht, die Tür an Tür mit Trumps uramerikanischen Basis lebt. The big wide West.
Dort gedeihen auch prächtig all die Verschwörungstheorien, die der Treibstoff der MAGA-Bewegung sind und in immer neuen, absurderen Auswüchsen, die Realität und Faktenwelt verdrängen. Der vielgepriesene, griechische Regisseur Yorgos Lanthimos, der sich mittlerweile Hollywood zugewandt hat, greift dies in Bugonia auf, einem für amerikanische Verhältnisse angepassten Remake der südkoreanischen Produktion Save the Green Planet! aus dem Jahre 2003. Bugonia ist – sieht man von einem Kurzfilm ab – die vierte Zusammenarbeit mit Emma Stone. Mit wenig gelingt Lanthimos viel. Auch er richtet das Kameraobjektiv auf ein aus den Fugen geratenes Amerika, in der die privilegierte Geschäftsführerin Michelle (Emma Stone) ein Vorzeige-Luxuxleben führt – zwischen Workout, Diversity-Ansprachen und ach so liberalen, freien Arbeitszeitmodellen für ihre Mitarbeitenden. Die Grenze zwischen Bewunderung und Verachtung verlaufen scharf, dies zudem im durch alternative Medien beschleunigten Gemütszustand von Donald Trumps Amerika.

© 2025 Focus Features, LLC.
Bienenzüchter Teddy (Jesse Plemons) und Kumpel Don (Aidan Delbis) sind Vorzeigebeispiele dieses anderen Amerika. Den offiziellen Medien misstrauend haben sie ihr Heil in einem Verschwörungskosmos gefunden, in der Ausserirdische die Herrschaft über die Menschheit anstreben. Wie Lanthimos dies im Setting, den vielen, kleinen Details inszeniert, ist ausserordentlich. Die Opiumkrise, Missbrauch, Verwahrlosung tauchen fast nebenbei auf, zeigen aber den Gemütszustand eines Landes, dessen Zukunft im Irrsinn zu liegen scheint. Bugonia ist reine Fiktion, in seiner Annäherung an diesen Wahnsinn, fast dokumentarisch.
Für den Bienzüchter Teddy ist CEO Michelle das Sinnbild des untergehenden Amerika, eine Ausserirdische, die zur Rechenschaft gezogen werden muss. Die groteske Entführung Michelles endet in einer nach Schmutz und Erniedrigung riechenden Gefangenschaft. Ob es die erhoffte Erlösung bringt? Lanthimos treibt das Spiel des Irrsins bis auf die Spitze, die Pointe zum Schluss ist da nur noch die konsequente Fortführung des Wahnsinns mit anderen Mitteln.
Emma Stone spielt die Entführte mit einer Hingabe bis zur Selbstentblössung. Nach den vier Oscars für Poor Things kann der Preisregen eigentlich nur weiter gehen. Vor allem für einen Film, der so absurd er ist, mehr von unserer Realität widerspiegelt als uns lieb ist.
„East of Wall – The new West“ von Kate Beecroft und „Bugonia“ von Yorgos Lanthimos laufen im Rahmen des 33. Filmfests Hamburg.




