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Argentinische Nachtgestalten

Gustavo Fontáns außergewöhnliches Roadmovie „Ramón Vázquez“ erzählt in ruhigen Schwarzweißbildern von persönlichen Katastrophen und einem Land am Abgrund. Von Markus Zinsmaier.

Von Markus Zinsmaier

Licht, Schatten, Dunkelheit: Gustavo Fontáns Ramón Vazquez bedient sich Stilmitteln der kinematographischen Anfänge. Es ist nicht der einfahrende Zug der Brüder Lumière in La Ciotat, sondern die Lichtspiele der frühen Avantgarde, die Formen, Konturen hervortreten lassen und ein Seelenleben skizzieren. Im Jahr 2026 kommt dies einem filmischen Neuanfang gleich. Statt reizüberfluteter TikTok-Sequenzen und schneller, digitaler Bildabfolgen, die Ruhe meditativer Aufnahmen in Schwarzweiß. Keine schnellen Kamerabewegungen, dafür Blicke, Licht, Gegenlicht, Sonnestrahlen, die sich durch ein Blätterdach kämpfen, Dunkelheit, Schönheit. Und mittendrin Ramón Vásquez. Einmal mehr verkörpert von Marcelo Subiotto, der bereits in Fontáns The Debt (2019) zu sehen war.

Nach dem experimentellen Kammerspiel La Terminal (2024) setzt Fontán seine ästhetische Schwarzweiß-Reise fort, allerdings in Form einer lose verlaufenden Geschichte. Transitwelten sind es noch immer. In La Terminal ein großer Busbahnhof in der Provinz Córdoba, in Ramón Vázquez das argentinische Hinterland: zwischen Grillverschlägen am Straßenrand, Tankstellenreklamen Hopperscher Trostlosigkeit und Begegnungen mit Fremden.

In den Blicken, Beobachtungen und spärlichen Sätzen erzählt sich ein ganzes Leben: „My name is Ramón Vázquez. I‘m from La Pampa. I‘m on my way to Soto, in Córdoba, to find my father. I haven‘t seen him in thirty years.“

Ramón Vázquez (Marcelo Subiotto), dieser Ritter der traurigen Gestalt, der sich der Schwere der Welt und seiner eigenen Geschichte mehr als einmal nur mit Ohnmachtsanfällen entziehen kann, ist Sinnbild eines geschundenen Landes. Wo David Lynchs Roadmovie The Straight Story die Langsamkeit im Mittleren Westen entdeckt, blickt einem in Ramón Vázquez die argentinische Realität in jeder Einstellung an. Es sind flüchtige Begegnungen, die Fremde für ein paar Stunden in diesem Roadmovie zu Vertrauten und Leidensgenossen machen. Tief gehütete Geheimnisse finden ein offenes Ohr und weisen doch keinen Ausweg. Die Sonne leuchtet am nächsten Tag genauso unerbittlich wie zärtlich auf das lateinamerikanische Land und seine Biografien. Es ist das Reich des ultralibertären, rechtspopulistischen Präsidenten Javier Milei, dessen Motorsäge auch vor der Kultur nicht halt macht. Nationale Filmförder-Töpfe sind seit der Machtübernahme radikal gestrichen. Das nationale Filminstitut INCAA (Instituto Nacional de Cine y Artes Audiovisuales) weitgehend lahmgelegt worden. Gustavo Fontáns Rámon Vázquez ist ein Lichtschimmer aus dem Untergrund einer großen Filmnation.

Ramón Vázquez von Gustavo Fontán läuft im Rahmen des 34. Filmfest Hamburg.

Taumelnd durch die Nacht: Marcelo Subiotto in „Ramón Vázquez“ von Gustavo Fontán. © Punto de Fuga Cine

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